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Dienstag, 17. Oktober 2017

Was ist reines Denken? Versuch einer Charakteristik

Gekürzter Auszug aus: Renatus Ziegler, Intuition und Ich-Erfahrung: Erkenntnis und Freiheit zwischen Gegenwart und Ewigkeit. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1. Auflage 2006 (Edition Hardenberg, Studien zum Werk Rudolf Steiners, Band 5), S. 41–66. (Druckversion)

 

Reines Denken - Erfahrung und Begriff: Vorblick und Zusammenfassung

Eine elementare Denkpraxis hat jeder Mensch, aber es kommt darauf an, diese mit warmem Interesse und Beharrlichkeit weiter zu pflegen. Dieser Text erhebt keinen Anspruch, die allein geeignete Einführung in das reine Denken zu sein. Es ist auf jeden Fall fruchtbar, wenn die hier angebotenen Übungen und Betrachtungen zur Denkpraxis durch andere Darstellungen ergänzt und vertieft werden.

Aufgrund meiner eigenen Auseinandersetzung mit Begriffen und Ideen, das heisst den Inhalten des reinen Denkens, komme ich zur Erfahrung, dass denselben eine auf sich selbst beruhende, vom Menschen unabhängige Realität zukommt. Mit dieser das menschliche Erleben, Erkennen und Handeln tiefgehend bereichernden und befruchtenden rein geistigen Daseinssphäre kann jeder Mensch durch reines Denken in Berührung kommen. Man muss sich allerdings darüber im klaren sein, dass sich das reine Denken fundamental vom normalen Alltagsdenken unterscheidet. Die folgenden Ausführungen sollen zu einer nachvollziehbaren und erweiterbaren Eigenerfahrung der inneren Notwendigkeit und Existenz der Inhalte und einer Bewusstwerdung der Tätigkeit des reinen Denkens hinführen.

Zur Erübung und Erfassung des reinen Denkens ist es hilfreich, wenn konkrete Fragen an die Möglichkeiten und die Tragweite dieses Denkens bestehen. Das reine Denken kann erfahren und erübt werden, sofern es vom Vorstellen und den es bloß vorbereitenden Phasen des Erinnerns, der Einfälle, der Gewohnheiten etc. unterschieden werden kann. Am direktesten in reine Denkerfahrungen führen allgemeine Begriffe wie Teil und Ganzes, Analyse und Synthese etc. Dieser Denkerfahrung erschließt sich die innere Notwendigkeit von Gesetzmässigkeiten, das heißt von Begriffs- oder Ideeninhalten, und die Begegnung mit deren nicht selbst aktivem, in sich ruhendem, unveränderbarem und unveränderlichem Sein.