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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Reines Denken: Gesetz des reinen Denkens

Das durch einen Begriff, ein im Denken anwesendes Gesetz, geführte aktive Vorstellen, wie es anhand der Übungen weiter oben eingeführt wurde, kann als exaktes Phantasieren aufgefasst werden. Es kann auch (exaktes) bewegliches Vorstellen genannt werden, da nicht an einer Vorstellungsvariante, wie bei den gewöhnlichen, spontan auftretenden Vorstellungen festgehalten wird, sondern Vorstellungen fortwährend ineinander übergeführt werden. Das alle diese Einzelformen ordnende Gesetz, das ihren einzelnen Gestalten als Formendes zugrunde liegende Prinzip ist dabei eine Invariante im Strom des bewusst geführten Vorstellungsflusses. Diese Invariante ist ein durch Denken anschaubarer begrifflicher oder ideeller Inhalt von wesentlich anderer Erlebnisqualität und Konstitution als eine Vorstellung. Begriffe und Ideen sollen nun in ihrem Charakter näher bestimmt werden. Als empirisches Material stehen dabei die Erfahrungen anhand der in den vorangehenden Abschnitten entwickelten Übungen zur Verfügung.

An dieser Stelle ist es entscheidend, den Unterschied der Vorbereitungsphase des reinen Denkens von letzterem selbst ins Auge zu fassen. Zu ersterem gehört im wesentlichen alles dasjenige, was man gewöhnlicherweise unter Denken versteht, was man besser als Gedanken-Haben denn als Denken bezeichnen würde. Dazu gehören alle Arten von Phantasievorstellungen, Einfälle, Assoziationen, Kenntnisse, Erinnerungen etc. sowie durch Erziehung und Sozialisierung erlernte Verhaltensweisen und Gewohnheiten gegenüber gegebenen individuellen Erlebnissen und Informationen. Diese im Vorfeld des reinen Denkens bereits präsenten oder neu auftauchenden Erfahrungsinhalte werden in ihrer Notwendigkeit und Bedeutung für die Vorbereitung des reinen Denkens nicht bestritten: Im Gegenteil, ohne sie käme es gar nicht zu den Anlässen, die einen Einstieg in das reine Denken zu einem Bedürfnis machen.

Ein noch nicht in die Details gehendes Kriterium für reines Denken im Unterschied zur Vorbereitungsphase besteht in folgendem: Es ist der Vollzug eines aktiven und bedächtig verlaufenden Einsichtsprozesses im Gegensatz zu einem blitzartigen, eruptiven Auftauchen oder Gewahrwerden von mitreissenden und überwältigenden Ansichten.

Manches mal mag es scheinen, wie wenn die Vorbereitungsphase weit bedeutender und fruchtbarer ist als die sich daran anschliessende Phase des reinen Denkens, da in ihr unter Umständen viel reichhaltigere Ideen- und Phantasiekonstellationen in Vorstellungsform aufblitzen, als man sie danach in der Form des reinen Denkens zu fassen kriegt, und von deren Gehalt man allenfalls noch lange zehren kann. Diese Tatsache soll hier mit Nachdruck festgehalten und gewürdigt werden, sie ist jedoch kein zentrales Thema der folgenden Untersuchungen.

Die nachfolgend herausgearbeiteten detaillierten Kriterien des reinen Denkens sollen gerade dazu dienen, die notwendige und vielleicht sehr fruchtbare Vorbereitungsphase von dem eigentlichen Auftreten des reinen Denkens klar und deutlich zu unterscheiden, um das letztere in eine anhaltende Bewusstwerdung zu heben. (Der aktiven Handhabung einer elementaren Vorbereitungsphase dient das im vorangehenden Abschnitt besprochene denkende Vorstellen.)

Relativ zum Begriffsinhalt sind alle Vorstellungen, auch die beweglichen, immer in dieser oder jener Weise speziell, sie enthalten Bestimmtheiten, die in diesem Inhalt nicht vorkommen. So gehört zu jeder Vorstellung eines Kreises eine bestimmte Größe, ein bestimmter Mittelpunkt (an einem bestimmten Ort) und eine wohlbestimmte Ebene im Raum. Weder konkrete Lagen und bestimmte Größen noch bewegliche Lagen und bewegliche Größen sind jedoch Bestandteile des Kreisgesetzes. Dieses Gesetz ist das universelle Prinzip, das alle möglichen individuellen Kreise zugleich umfasst. Die einen Begriffsinhalt zu einer konkreten Vorstellung spezifizierenden Faktoren stammen aus der sinnlichen Erfahrungswelt, deshalb heißen Begriffe, die so angeschaut werden können, dass sie von solchen Faktoren frei sind, sinnlichkeitsfrei oder rein und die entsprechende Denktätigkeit sinnlichkeitsfreies oder reines Denken.

Die Reinheit des Denkens hat auch noch eine andere Komponente, die seine Form des Daseins betrifft, im Gegensatz zu seinem Inhalt, den Begriffen und Ideen. Die Denkerfahrung zeigt, dass das Auftreten reiner Inhalte an eine Tätigkeit geknüpft ist, die zugleich anschauender und hervorbringender Natur ist und die vor allem allein auf der individuellen Tätigkeit des denkenden Menschen beruht. Das reine Denken kann also in einem zweifachen Sinne als rein erlebt werden: seinem Inhalt nach, den reinen Ideen und reinen Begriffen, und seiner Form nach, der nicht mit Fremdtätigkeit vermischten reinen Eigentätigkeit. Die Untersuchung der Denktätigkeit ist die Quelle für weitere Einsichten in das eigene Ich sowie in die intuitiv-lebendige Form des Denkens. An dieser Stelle wird zunächst nur der Charakter reiner Denkinhalte oder Gesetze näher betrachtet, da er in seiner Tragweite für Welt- und Selbsterkenntnis von umfassender und weitreichender Bedeutung ist.

Zunächst soll noch einmal auf den universellen Charakter von Denkinhalten oder Gesetzen im Gegensatz zum individuellen Charakter von Vorstellungsinhalten oder Wahrnehmungsinhalten hingewiesen werden: Inhalte von Begriffen und Ideen sind immer allgemein relativ zu den besonderen, konkreten Inhalten von Vorstellungen oder Sinneswahrnehmungen. Der Begriffsinhalt oder das Gesetz der Rose umspannt eine Fülle möglicher Rosen, er ist ein universelles Prinzip für Rosen, während jede vorgestellte oder wahrgenommene Rose ein individuelles Exemplar darstellt, das nur eine Möglichkeit der Individualisierung des Rosenbegriffes zum Ausdruck bringt. Man beachte jedoch, dass diese Eigenschaft der Universalität nur eine Begriffsinhalte (Gesetze) und Wahrnehmungen kontrastierende Eigenschaft ist und kein Charakterzug, der Begriffsinhalten als solchen zukommt. Begriffsinhalte, oder Gesetze, sind universell relativ zu Wahrnehmungen. Für sich selbst genommen sind sie jedoch individuell: Es sind konkrete Denkinhalte, die sich von anderen solchen ideellen Inhalten konkret unterscheiden. Das ist der Gesichtspunkt, der im folgenden eingenommen wird: Es geht um die innere Natur der Denkinhalte, nicht um deren Anwendung auf außergedankliche Erfahrungsinhalte.

Sieht man vollkommen von dem im Denken stattfindenden spezifischen individuellen Erlebnis der Denkinhalte, der Begriffe und Ideen ab, und schaut nur auf diese Inhalte selbst, so wird im folgenden für Begriffs- und Ideeninhalte die Bezeichnung «Gesetz» oder «Gesetzmäßigkeit» verwendet.

Es ist zu beachten, dass sich die nachfolgend beschriebenen Erlebnisse erst nach einiger Übung deutlich aus dem reichhaltigen Strom der inneren Denkerfahrungen herausheben und bestimmen lassen. Hier wird es sich zeigen, ob es mit hinreichender Genauigkeit gelingt, die Vorbereitungsphase des reinen Denkens von diesem selbst zu unterscheiden, also nur die eigentliche Einsichtphase (im Gegensatz zum Einsichtsblitz) ins innere Auge zu fassen. Dazu bedarf es wiederholter und variierter Übungen, für welche hier nur erste Anregungen gegeben werden können. Man muss sich jedoch verdeutlichen: Wenn sich diese Erlebnisse nicht nach und nach einstellen, so wurde etwas anderes als reines Denken erübt. Diese Art des Denkens steht und fällt gerade mit einer zunehmenden Bewusstwerdung über die hier hervorgehobenen Qualitäten.

Ein genauerer Blick auf den Eigencharakter der Erfahrung von reinen Denkinhalten, der sie von Erfahrungen, die man beim Wahrnehmen und Vorstellen macht, deutlich abhebt, führt auf drei Komponenten, die nun näher betrachtet werden sollen. Dabei ist zu beachten, dass hier nicht vorbereitende, auf das reine Denken bestenfalls hinführende Tätigkeiten (wie tastendes Suchen, Phantasieren, Vorstellen, Erinnern etc.) angeschaut werden, sondern dieses selbst, das tatsächlich stattfindende reine Denken als solches.

(1) Ein wesentliches Charakteristikum des reinen Denkens ist die Klarheit und Durchschaubarkeit der gedachten Inhalte, der Gesetze. Dasjenige, was gedacht wird, zeigt sich in vollkommener Klarheit und Durchsichtigkeit. Es zeigt sich natürlich weder in seinem vollen inhaltlichen Umfang, noch in allen seinen Bezügen zu anderen denkmöglichen Gesetzen oder Begriffsinhalten. Aber das ist auch für die Klarheit nicht notwendig. Entscheidend ist, dass dasjenige, was sich in der individuellen tätig-denkenden Anschauung zeigt, für sich selbst klar und in diesem Sinne vollständig ist. Klarheit ist jedoch ein dem individuellen Menschen zuzuordnendes Erlebnis. Es entzündet sich anhand einer der Sache (Begriffs- und Ideeninhalte, Gesetze) selbst zukommenden Eigenschaft, nämlich an der inneren, auf sich selbst beruhenden Notwendigkeit des Zusammenhangs der beteiligten Elemente. Der der Sache selbst zugehörige Aspekt des individuellen Erlebens der Klarheit ist also die innere, in sich bestimmte Notwendigkeit der Gesetze im Sinne von Begriffs- und Ideeninhalten. Sie drängt sich dem Denken nicht auf; sie ist Ergebnis, Bestandteil der tätigen Denkerfahrung.

3. Beispiel: Teil und Ganzes (Fortsetzung): Im Durchdenken des Verhältnisses von Teil und Ganzem und deren Einheit im Teil-Ganzen wird die innere Notwendigkeit von deren Zusammenhang offenbar anhand der lichten Klarheit des Erlebens der entsprechenden Denkinhalte. Jede Komponente und jede konkrete Beziehung hat ihren Platz im Ganzen des ideellen Zusammenhangs, zum Beispiel wird der Teil als ein Teil des Teil-Ganzen erlebt und ein Teil einerseits als Erscheinung des Teils und andererseits als Teil eines Ganzen. Bleibt man ganz mit der Sache verbunden, ihr hingegeben, so erschliesst sich nach und nach der ganze Zusammenhang von Teil und Ganzem (sowie allfällig darüber hinausgehende Sachverhalte, die Teil und Ganzes mit anderen Denkkategorien verbinden). Man ist zwar tätig, wird aber indirekt durch die Sache selbst geleitet: es ist etwas da, was Erkundungsgänge erlaubt, aber keine willkürlichen Eskapaden. Versucht man es trotzdem, also versucht man etwa «Ein Ganzes ist ein Teil des Teil-Ganzen» zu denken, so merkt man, dass dies so nicht in den bereits klar gelegten Zusammenhang passt: dieser kann nicht willkürlich verändert oder angepasst werden. Denn dieser in Form einer sprachlich formulierten Behauptung daherkommende Satzinhalt ist widerspruchsvoll: Ein Ganzes ist eine Erscheinung des Ganzen und damit Teil des Daseins dieses Ganzen, deshalb kann es nicht zugleich eine Komponente des rein ideellen Zusammenhangs des Teil-Ganzen sein.

(2) Eine zweite Erfahrung schließt sich unmittelbar an die erste an: Im Denken findet eine Begegnung statt. Im reinen Denken ist man nicht allein mit sich selbst beschäftigt, sondern trifft auf daseiende Inhalte, eben Begriffs- und Ideeninhalte oder Gesetze. Diese werden als etwas erlebt, was unveränderbar ist, was sich durch die Denktätigkeit nicht verändern oder erzeugen lässt: Sie bieten Widerstand, sie müssen so genommen werden, wie sie selber sind. Die sachliche Seite dieses individuellen Erlebens der Widerständigkeit ist das Selbstsein, das Eigensein der Inhalte von Begriffen und Ideen: sie sind Etwas, Daseiendes. Allerdings ist das Eigensein der Gesetze in der Form von Begriffen und Ideen im reinen Denken passiver Natur: Es drängt sich dem denkenden Individuum nicht auf, es muss tätig angeschaut werden, damit es sich offenbart. Ein passendes Bild für diese Situation ist das tätige Abtasten einer Statue aus festem Material wie Stein oder Holz, bei welchem sich die Formen nur in aktivem Nachvollzug mit den tastenden Händen erschliessen lassen.

(3) Eine weitere charakteristische Eigenschaft der Denkerfahrung ist die ruhige Beständigkeit, das In-sich-Gleichbleiben der erfahrenen Begriffs- und Ideeninhalte oder Gesetze. Auch wenn sich im Laufe der individuellen Denkentwicklung Denkinhalte in ihrer Reichhaltigkeit und Verknüpfung mit anderen Denkinhalten verändern, so erweist sich diese Veränderung als eine Veränderung der Perspektiven des denkenden Individuums und nicht der gedachten Inhalte oder Gesetze selbst. Mit anderen Worten: Innerhalb der tätigen Denkerfahrung werden Gesetzmäßigkeiten als etwas Beständiges, Ruhendes, Unveränderliches erlebt, die sich in ihrer Reichhaltigkeit und Tiefgründigkeit nur dem aktiven Erkunden offenbaren. Eine Beweglichkeit im Sinne einer Selbstveränderung kommt Gesetzmäßigkeiten nicht zu, wohl aber eine Beweglichkeit im Sinne unerschöpflicher Bezüge zu anderen Gesetzen sowie mannigfaltigster Perspektiven, die sich bei deren Darstellung und Ergründung durch das reine Denken eröffnen lassen. Dieses Erlebnis offenbart den Ewigkeits-Charakter von Gesetzen. Gesetze stehen jenseits von Entstehen und Vergehen, von Entwicklung und Veränderung. Sie sind die Grundlage, das reale Fundament, der invariante ordnende Kern jeder zielgerichteten Entwicklung.

Reines Denken ist sowohl der Form als auch dem Inhalt nach rein. Die Reinheit der Form betrifft sein eigenständiges, nur durch das denkende Individuum gewolltes, durch keine Fremdtätigkeit gestörtes oder beeinträchtiges tätig- anschauendes Dasein. Die Reinheit des Inhaltes, mit anderen Worten: die Reinheit der Begriffe und Ideen (Gesetze), offenbart sich durch die Erfahrung von deren innerer Notwendigkeit, deren (passivem) Eigensein oder Dasein und deren Beständigkeit.

Bewegliches Vorstellen ist eine an reinen Begriffen oder Ideen orientierte exakte Phantasietätigkeit, in welcher universelle ideelle Zusammenhänge in verschiedene und auseinander kontinuierlich hervorgehende individuelle Vorstellungsbilder umgesetzt werden.